Wir stellen vor: Arabisch-Dolmetscherin Maryam Saleh

In unserer Serie „Wir stellen vor“, wollen wir unseren Dolmetscherinnen und Dolmetschern ein Gesicht geben. Diesen Monat haben wir mit einer unserer Arabisch-Dolmetscherinnen über ihren Arbeitsalltag bei SAVD, die Besonderheiten beim Sprachenpaar Arabisch-Deutsch und die Vielfalt der arabischen Sprache gesprochen.

Du dolmetschst seit über sieben Jahren für SAVD. Erinnerst du dich an deinen ersten Dolmetsch-Einsatz?

Ja, ich war damals sehr aufgeregt. Wir hatten zwar noch nicht so viele Bereiche wie jetzt, aber trotzdem konnte so ziemlich alles auf uns zukommen. Mein erster Anruf war aus einer Abschiebehafteinrichtung. Ich musste für eine Person dolmetschen, die Marokkanisch sprach. Das war schon eine Herausforderung, da Marokkanisch für mich einer der schwierigsten Dialekte ist.

Wie würdest du deinen Arbeitsalltag beschreiben?

Ich weiß nie, was mich erwartet: An einem Tag dolmetsche ich von Kaiserschnittaufklärungen über aufenthaltsrechtliche Fragen oder Arbeitsvermittlungen bis hin zu Scheidungsverfahren. Die Ungewissheit ist eine Herausforderung, bietet aber zugleich viel Abwechslung. Man erhält Einblicke in Bereiche, denen man im Alltag sonst nicht begegnet.

Stichwort Arbeitsvermittlung: Welche Herausforderungen gibt es hier bei der Übertragung?

Die unterschiedliche Bewertung von Arbeitserfahrung und Ausbildung. Während man in Deutschland und Österreich für viele Berufe eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen muss, funktioniert das im arabischen Raum häufig mit Familienbetrieben. Der Vater lernt den Sohn ein, der das Handwerk wiederum an seine Kinder weiter gibt…

Welche kulturellen Unterschiede sind für Ankommende aus arabischen Ländern aus deiner Sicht besonders schwierig?

Die Distanz, die es im arabischen Raum nicht gibt. In arabischen Ländern kommt es vor, dass man mit Unbekannten auf der Straße spricht wie mit Menschen, die man ewig kennt. In meinen Dolmetschungen passiert es außerdem manchmal, dass die arabischsprachige Person eine kleine Aufmerksamkeit – etwa Kekse – mitbringt. Einmal wurde das sogar als Bestechungsversuch gewertet.

Was sticht beim Sprachenpaar Arabisch – Deutsch noch hervor?

Arabisch ist sehr blumig und im Vergleich zum Deutschen oft ausschweifend mit vielen Wiederholungen. Umgekehrt ist das Deutsche oft knapp und direkt, was beim arabischsprachigen Gegenüber mitunter unhöflich ankommen kann. Außerdem gibt es Sprachbilder, die sich unterscheiden. Zum Beispiel der Mond: im Deutschen sagt man liebevoll eher „Du bist mein Sonnenschein“ wohingegen im Arabischen ein Mann seine Frau „Mond“ nennt.

Du hast Arabisch zu Hause gesprochen. Um Dolmetschen zu können, ist aber ein ganz anders Sprachniveau notwendig als – salopp formuliert – am Küchentisch. Wie ist es dir im Studium ergangen?

Zu Hause haben wir den libanesischen Dialekt gesprochen, der sich von der Hochsprache – insbesondere grammatikalisch – stark unterscheidet. Außerdem beschränkte sich mein Wortschatz auf eher alltägliche Themen. Im Libanon hatte ich in den Ferien zwar eine Lehrerin, die mir die arabische Schrift beibrachte, trotzdem musste ich völlig umlernen. Umgekehrt haben Studierende, die nicht mit Arabisch aufgewachsen sind, die Schwierigkeit, lange nur Hocharabisch zu lernen und erst relativ spät im Studium mit Regionalsprachen in Berührung zu kommen.

Stichwort Regionalsprachen, was kann man sich – als nicht arabischsprachige Person – darunter vorstellen?  

In den rund 22 arabischen Ländern werden verschiedene Dialekte gesprochen. Die Unterschiede liegen dabei weniger in den Fachbegriffen als in der Alltagssprache: „Wie geht’s?“ sagt man in fast jedem Land anders. Oft gibt es zudem Bedeutungsunterschiede: Das Wort „laban“ bedeutet im Libanon „Joghurt“ und in Ägypten „Milch“. Es ist daher – etwa bei einer Ernährungsberatung – wichtig zu wissen, woher die Person kommt, damit ich bei der Dolmetschung das richtige Wort wählen kann.

Viele Menschen, für die ihr dolmetscht, kommen aus Syrien. Hast du auch schon für Menschen aus dem Libanon gedolmetscht?

Sehr selten und dann ist es auch sehr ungewohnt. Ich habe mir nämlich angewöhnt, Fachbegriffe auf Arabisch zu verdolmetschen, wobei im Libanon Englisch und Französisch stark in der Alltagssprache verankert sind. Im Libanon sagt zum Beispiel kaum jemand das arabische Äquivalent für „Gefrierfach“ sondern eher den englischen Begriff „freezer“.

Wie arbeitest du daran, dir weniger vertraute Dialekte besser zu verstehen?

Es gibt mittlerweile mehr Serien und Filme in anderen Dialekten. Früher war das Filmbusiness primär in Ägypten. Jetzt gibt es viele türkische Serien, die in syrischem Arabisch synchronisiert werden. Der syrische Dialekt hat deshalb ein wenig das Ägyptische als Lingua Franca abgelöst. Um mein Verständnis für andere Dialekte zu pflegen, höre ich viel Musik aus unterschiedlichen arabischen Ländern. Hilfreich sind auch Show-Formate wie Arab Idol – die arabische Version von Deutschland sucht den Superstar – bei denen Menschen aus allen Ecken der arabischen Welt teilnehmen.

Welche Filme oder Musik würdest du Menschen empfehlen, die sich für die arabische Kultur interessieren?

Das ist sehr subjektiv, aber ich schätze die libanesische Regisseurin Nadine Labaki sehr. Sie greift Alltagsgeschichten – etwa im Film „Caramel“ – auf. Klassische Sänger*innen für libanesische Musik sind zum Beispiel Fairuz, Sabah, Melhem Barakat. Wenn man aber lieber moderne Musik mag, dann würde ich Wael Kfoury, Najwa Karam oder Nancy Ajram empfehlen.

Zurück zum Dolmetschen: Welches Gespräch ist dir besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Eine Dolmetschung im Rahmen eines Scheidungsverfahrens. Der Dolmetscher vor Ort hatte offenbar Partei für den Mann ergriffen und nicht alles verdolmetscht. Die Frau wurde deshalb zu Unrecht beschuldigt und das Urteil fiel nicht korrekt aus. In dem Gespräch, in dem ich dolmetschte, wurde alles erneut aufgerollt und die Beteiligten hatten zahlreiche Aha-Momente. Das Gefühl danach war gut: Ich hatte dazu beigetragen, Missverständnisse aufzuklären.

Welche Gespräche sind besonders belastend?

Gespräche für Frauenhäuser, in denen Frauen ihre Gewalterfahrungen schildern, gehen mir sehr nahe. In Erinnerung bleiben auch Gespräche, deren Inhalte fast unwirklich erscheinen. Besonders schockiert hat mich etwa ein psychotherapeutisches Gespräch mit einem Patienten, der den Zwang hatte, sich ein Ohr abschneiden zu wollen.

Abschließend: Was bereitet dir an der Tätigkeit als Dolmetscherin Freude?

Mir gefällt, dass man Menschen hilft, weiterzukommen. Vielen Menschen ist das gar nicht so bewusst, aber wenn man die Sprache nicht kann, steht einem nichts mehr offen: Es kann schon eine Hürde sein, zum Arzt zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Maryam Saleh hat in Graz Dolmetschen mit den Arbeitssprachen Arabisch und Englisch studiert. Nach ersten Erfahrungen beim Flüchtlingshochkommissariat UNHCR wurde sie 2014 als eine der ersten Dolmetscherinnen bei SAVD eingestellt. In ihrer Freizeit liest sie leidenschaftlich gerne und hat eine Schwäche für Schokolade. Ihre Lieblingsspeisen aus der arabischen Küche sind gefüllte Weinblätter und der libanesische Brotsalat Fattoush, den sie in Wien am liebsten bei Elissar isst.